Im April 2010 legte ein Vulkan auf Island tagelang den Flugverkehr über Europa lahm. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull zeigte, wie gefährlich Vulkanasche für Flugzeuge ist – und veränderte die Regeln, nach denen Luftraum bei Aschewolken gesperrt wird.
Der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010
Der Eyjafjallajökull liegt im Süden Islands, rund 120 Kilometer östlich von Reykjavík. Der Vulkan ist von einem Gletscher bedeckt und war vor 2010 zuletzt in den Jahren 1821 bis 1823 aktiv.
Das Vorspiel am Fimmvörðuháls
Am 20. März 2010 riss am Fimmvörðuháls, dem Pass zwischen Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull, eine Spalte auf. Lavafontänen schossen in die Höhe, Lavaströme flossen in die Schluchten Richtung Þórsmörk. Weil das Magma hier auf eisfreiem Boden austrat, entstand kaum Asche. Der Ausbruch wurde zur Touristenattraktion: Tausende wanderten oder flogen zur Spalte, um die Lava aus der Nähe zu sehen.
Der Ausbruch unter dem Gletscher
Am 14. April 2010 verlagerte sich die Aktivität in den Gipfelkrater – mitten unter das Gletschereis. Dort traf aufsteigendes Magma auf Schmelzwasser. Das Wasser verdampfte schlagartig und zerriss die Schmelze in winzige, scharfkantige Glas- und Gesteinspartikel. Diese Asche war besonders fein und blieb lange in der Luft.
Die Aschesäule stieg bis in rund 9 Kilometer Höhe. Eine stabile Nordwestströmung trug die Wolke direkt nach Skandinavien, Grossbritannien und Mitteleuropa. Auf Island selbst schmolz das Eis rasch: Gletscherläufe (jökulhlaup) strömten in das Tal des Markarfljót, die Ringstrasse wurde vorsorglich durchbrochen, damit das Wasser abfliessen konnte, und rund 800 Bewohner der Höfe unter dem Vulkan mussten ihre Häuser zeitweise verlassen. Viele Weiden lagen unter einer dicken Ascheschicht.
Sechs Tage ohne Flugverkehr
Vom 15. bis 20. April 2010 sperrten die Flugsicherungen grosse Teile des europäischen Luftraums, darunter den über Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Skandinavien. Es galt damals die Regel: Wo die Vorhersage Asche zeigt, wird nicht geflogen.
- Rund 100.000 Flüge wurden gestrichen.
- Etwa 10 Millionen Reisende sassen fest oder konnten nicht abreisen.
- Der Branchenverband IATA bezifferte die Einnahmeausfälle der Fluggesellschaften auf rund 1,7 Milliarden US-Dollar.
- Züge, Fernbusse, Fähren und Mietwagen waren tagelang ausgebucht, Reisende schlugen sich über Land quer durch Europa nach Hause durch.
Ab dem 20. April öffneten die Behörden den Luftraum schrittweise wieder. Der Ausbruch selbst dauerte noch bis Ende Mai an und sorgte im Mai zeitweise erneut für Sperrungen einzelner Flughäfen, vor allem in Irland, Grossbritannien, Spanien und Portugal. Im Oktober 2010 erklärten isländische Wissenschaftler den Ausbruch offiziell für beendet.
Der Grímsvötn 2011: stärker, aber mit geringeren Folgen
Nur ein Jahr später, am 21. Mai 2011, brach der Grímsvötn aus. Er liegt unter dem Vatnajökull, dem grössten Gletscher Islands, und ist der Vulkan mit den häufigsten Ausbrüchen des Landes. Der Ausbruch war deutlich kräftiger als der des Eyjafjallajökull: Die Aschesäule erreichte zeitweise rund 20 Kilometer Höhe.
Trotzdem blieben die Folgen für den Flugverkehr begrenzt. Die Asche war gröber und sank schneller ab, und die Winde lenkten die Wolke nur teilweise nach Europa. Rund 900 Flüge fielen aus, vor allem in Schottland, Norddeutschland und Skandinavien. Ausserdem griffen bereits die neuen Regeln, die nach 2010 eingeführt worden waren. Nach rund einer Woche war der Ausbruch vorbei.
Warum Vulkanasche für Flugzeuge gefährlich ist
Vulkanasche ist kein Staub aus verbranntem Material, sondern fein zerkleinertes Gestein und vulkanisches Glas. Die Partikel sind hart und scharfkantig. Das macht sie aus drei Gründen gefährlich:
- Schmelzen im Triebwerk: In der Brennkammer eines Strahltriebwerks herrschen Temperaturen weit über 1.000 °C. Das Glas in der Asche schmilzt dort, setzt sich an den kühleren Turbinenschaufeln fest und erstarrt. Die Luftströmung wird gestört, das Triebwerk verliert Schub oder fällt aus.
- Schleifwirkung: Die Partikel wirken wie Sandstrahl. Cockpitscheiben werden milchig, Vorderkanten von Flügeln und Leitwerk werden abgetragen.
- Verstopfte Sensoren: Asche kann Staurohre (Pitot-Sonden) zusetzen, die die Geschwindigkeit messen, und verunreinigt Filter und Kabinenluft.
Zwei Beinahe-Katastrophen
Am 24. Juni 1982 flog British Airways Flug 9, eine Boeing 747 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Perth, nachts in die Aschewolke des indonesischen Vulkans Galunggung. Innerhalb weniger Minuten fielen alle vier Triebwerke aus. Die Maschine glitt aus rund 11.000 Metern Höhe ab, bis die Triebwerke in dichterer Luft und ausserhalb der Wolke wieder ansprangen. Die Besatzung landete mit fast blinden Cockpitscheiben sicher in Jakarta.
Am 15. Dezember 1989 geriet KLM Flug 867, ebenfalls eine Boeing 747, im Anflug auf Anchorage in die Asche des Vulkans Redoubt in Alaska. Wieder fielen alle vier Triebwerke aus, wieder gelang nach einem Sinkflug von mehreren tausend Metern der Neustart und eine sichere Landung. Die Reparatur des Flugzeugs kostete rund 80 Millionen US-Dollar.
Wie der Luftverkehr heute mit Aschewolken umgeht
Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO hat weltweit neun Volcanic Ash Advisory Centres (VAAC) eingerichtet. Sie werten Satellitenbilder, Messungen und Ausbreitungsmodelle aus und geben Warnungen und Aschekarten heraus. Für Island und den Nordatlantik ist das VAAC London beim britischen Wetterdienst zuständig.
Bis 2010 galt praktisch Null-Toleranz. Nach dem Eyjafjallajökull führten die europäischen Behörden Grenzwerte für die Aschekonzentration ein:
- gering: bis 2 Milligramm Asche pro Kubikmeter Luft
- mittel: 2 bis 4 mg/m³
- hoch: über 4 mg/m³
Statt pauschaler Sperren gilt heute ein risikobasierter Ansatz: Fluggesellschaften dürfen Gebiete mit geringer oder mittlerer Belastung befliegen, wenn sie gemeinsam mit den Triebwerksherstellern eine Sicherheitsbewertung vorgelegt und von der Aufsichtsbehörde genehmigt bekommen haben. Zonen mit hoher Konzentration werden umflogen. Nach einem Flug durch Asche werden Triebwerke, Scheiben und Sensoren gezielt inspiziert. Dazu kommen bessere Messflugzeuge, Lidar-Stationen und Satellitenverfahren, die die Wolke genauer erfassen als 2010.
Welche Rechte Reisende bei einer Aschewolke haben
Fällt ein Flug wegen Vulkanasche aus, gilt in der EU die Fluggastrechte-Verordnung (EG) Nr. 261/2004. Ein Vulkanausbruch zählt als aussergewöhnlicher Umstand. Daraus folgt:
- Keine Ausgleichszahlung: Die pauschale Entschädigung von 250 bis 600 Euro entfällt.
- Betreuung bleibt Pflicht: Die Airline muss Mahlzeiten, Getränke und bei Bedarf Hotel samt Transfer stellen – so lange, bis ein Weiterflug möglich ist. Der Europäische Gerichtshof hat 2013 bestätigt, dass diese Pflicht auch bei einem Vulkanausbruch zeitlich nicht begrenzt ist.
- Wahlrecht: Reisende können zwischen Erstattung des Ticketpreises und einer Ersatzbeförderung wählen.
Pauschalreisende wenden sich an ihren Reiseveranstalter, der für Rückreise und Unterkunft sorgen muss. Belege für Ausgaben, die man selbst vorstreckt, sollte man aufbewahren.
Häufige Fragen
Kann sich eine Aschewolke wie 2010 wiederholen?
Ja. Island hat rund 30 aktive Vulkansysteme, mehrere davon liegen unter Gletschern und können feine Asche erzeugen, etwa Katla oder Grímsvötn. Durch die heutigen Grenzwerte würde ein vergleichbarer Ausbruch den Flugverkehr aber voraussichtlich weniger lange und weniger flächendeckend stoppen.
Stören die Ausbrüche auf der Halbinsel Reykjanes den Flugverkehr?
Kaum. Die Ausbrüche bei Grindavík seit 2021 sind Spaltenausbrüche mit Lavafontänen und wenig Asche. Der Flughafen Keflavík blieb dabei in aller Regel geöffnet.
Warum war der Eyjafjallajökull so folgenreich, obwohl er eher klein war?
Drei Dinge kamen zusammen: sehr feine Asche durch den Kontakt mit Gletscherwasser, eine wochenlang stabile Nordwestströmung Richtung Europa und die damals geltende Null-Toleranz-Regel.
Wie spricht man Eyjafjallajökull aus?
Ungefähr „Ej-ja-fjatl-a-jö-kütl“. Der Name bedeutet „Inselberge-Gletscher“.